Short Story (Teil 2)

Hey ihr Lieben,
hier kommt endlich die Fortsetzung der Short Story (lest
hier noch einmal den ersten Teil). Es tut mir sehr leid, dass es so lang gedauert hat und werde mich bemühen, die Geschichte bis Weihnachten zu beenden.
Vielen Dank für eure Geduld!
Love,
Joy

Brandon

Blut. Überall Blut. Verzweifeltes Schluchzen und dann ein Aufprall. Sein Kopf stieß gegen das Lenkrad. Ein stechender Schmerz durchzog seinen Körper. Er konnte nicht mehr deutlich sehen, nicht mehr klar denken. Panisch griff er nach ihrer blutverschmierten Hand. Sie war eiskalt. Er hörte ihr leises Wimmern und spürte, dass sie vor Schmerzen zitterte. „Brandon“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Brandon, sie ist tot.“ Um ihn herum wurde es schwarz.

„Sie können hier nicht parken, Mister!“, eine schrille Stimme riss ihn unsanft aus seiner Erinnerung.  Erschrocken zuckte er zusammen. „Mister!“, ungeduldig klopfte die alte Dame gegen das Fenster. Brandon stöhnte leise. Er fühlte sich noch immer etwas benommen.  Kaum war er in die vertraute Straße eingebogen, schien ihn sein altes Leben wieder einzuholen. Das Leben, in dem er außerhalb Greenvilles ein Niemand gewesen war. Kein einziger Paparazzo hatte ihn verfolgt, keine Journalistin terrorisiert und kein Manager verlangt, dass er bei sämtlichen Presseterminen erschien. Jahrelang hatte Brandon seinen großen Traum verfolgt, doch als er Wirklichkeit wurde, spürte er nur eins: Einsamkeit. Brandon Nerling, der Name eines Schauspielers, der über die Grenzen der USA hinaus bekannt war. Und doch war es nur ein Name. Keiner wusste, wer Brandon wirklich war, welch hohen Preis ihn das Leben in Hollywood gekostet hatte. Niemand kannte die ganze Wahrheit. Niemand wusste von der Nacht, die seine Welt zerstörte. Die ihn zerstörte. Niemand. Bis auf eine junge Frau, der nicht nur sein Herz, sondern auch sein Nachname gehörte.

Als Brandon die Fahrertür öffnete, sah er in ein vertrautes, runzeliges Gesicht. „Mrs. Jones!“, sagte er überrascht. Die alte Dame musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Ich bin es, Brandon Nerling. Ihr alter Nachbar“, erklärte er. Da begann Mrs. Jones zu strahlen: „Brandon, ich habe Sie so lang nicht gesehen!“, rief sie aus und drückte seine Hand.
„Ja, das stimmt. Es ist lange her.“
„Statten Sie Ihren Eltern einen Besuch ab? Wissen Sie, Ihre Mutter kenne ich ja schon seit sie ein kleines Mädchen ist. Damals im Kirchenchor und in der Theatergruppe – Ihr schauspielerisches Talent haben Sie bestimmt von ihr geerbt. Aber was rede ich denn? Diese alten Geschichten kennen Sie doch schon. Wie geht es Ihnen? Wie ich hörte, verkaufen Sie Ihr Haus? Das ist wirklich schade. Zu schade. Aber wahrscheinlich ist es besser so. Allison wohnt ja auch gar nicht mehr hier und ein leerstehendes Haus zieht nur die Mäuse an. Aber neue Nachbarn sehe ich ehrlich gesagt nicht gern. Allison und ich haben uns so gut verstanden. Wir haben zusammen die Bibel gelesen und irgendwann konnte ich sie sogar überreden, mit in den Gottesdienst zu gehen. Sie ist eine reizende junge Frau. Ich bin immer noch untröstlich, dass es so mit Ihnen enden musste“, plapperte sie drauflos und bemerkte gar nicht, wie blass Brandon auf einmal war.
„Verkaufen, sagten Sie?“
„Ja, ja. Wussten Sie das etwa nicht? Gerade heute waren Interessenten hier. Allison hat sie herumgeführt, aber dann musste sie wieder los.“
„Sie ist nicht mehr hier?“
„Nein. Sie haben Allie knapp verpasst. Sie wissen aber schon, dass sie nicht mehr in Greenville wohnt, oder? Dieser neue Job in New York hat es ihr angetan. Wo arbeitet sie noch einmal?“, überlegte Mrs. Jones laut.
„People-Magazine“,  antwortete Brandon und ein Schauer lief über seinen Rücken. Er hatte sich nicht getäuscht.
„Ja, genau. People-Magazine, das war es“, sie machte eine Pause und sah Brandon nachdenklich an. „Wenn Sie nichts von dem Haus wussten, warum sind Sie dann hier?“
„Lange Geschichte“, sagte er und wich ihrem fragenden Blick aus. „Sie wissen nicht zufällig, wo Allison hingefahren ist? Doch nicht schon wieder zurück nach New York, oder?“
„Ich habe keine Ahnung“, entgegnete Mrs. Jones. „Sie sah aus, als würde sie auf eine Beerdigung gehen.“
„Beerdigung?“
„Ja, sie war ganz in schwarz gekleidet. Sehr schick, aber schwarz. Und ich glaube, sie hatte weiße Rosen in ihrem Auto. “ Brandon erstarrte. „Mrs. Jones, es war wirklich schön, Sie wiederzusehen. Aber ich muss gehen“, stammelte er und wandte sich wieder seinem Auto zu. Die alte Dame sah ihn besorgt von der Seite an: „Brandon, ich weiß nur sehr wenig über Sie. Allie hat nie ein böses Wort über Sie verloren. Nie. Aber ich glaube, Sie haben nicht nur Ihre Frau in Greenville zurückgelassen, sondern auch Ihren Glauben. Es ist nicht zu spät für eine zweite Chance. Wir haben einen Gott, der Vergebung schenkt und Zerbrochenes wiederherstellt.“
„Ich habe meine Chance verspielt“, sagte er leise. „Es ist zu spät.“
Damit schloss er die Fahrertür und startete den Motor. Mrs. Jones sah ihm nach.

Laney

Mit tränenverschleierten Augen kniete sie sich vor das kleine Grab. Vorsichtig legte sie einen Strauß weißer Rosen vor den Stein. „Du fehlst mir so“, flüsterte sie. Zärtlich strich sie mit dem Finger über die eingravierten Buchstaben „Laney Nerling – 23.11.2016“. Der dritte Todestag. Sie nahm den Bilderrahmen in die Hand, den sie nach der Beerdigung an den Grabstein gelegt hatte. Dieses Foto war eines der wenigen Dinge, die ihr von der glücklichsten Zeit ihres Lebens noch geblieben waren: Sie strahlte in die Kamera, während ihr Ehemann vor ihr kniete und zärtlich ihren Babybauch küsste. Damals ahnte sie nicht, dass es das letzte gemeinsame Foto sein würde. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Paar abwenden. Das war einmal ihr Leben gewesen. Noch während der Zeit am College hatte sie ihre Jugendliebe geheiratet. Sie hatte ihr Glück kaum fassen können, als sich der Greenville-Mädchenschwarm ausgerechnet in sie – das einsame Waisenmädchen – verliebte. Vom ersten Date an waren sie unzertrennlich. Er war nicht nur ihr Traummann, sondern ihr bester Freund. Und mit der Schwangerschaft schien sich auch ihr sehnlichster Wunsch zu erfüllen: eine Familie.

Brandon

Der abgelegene Friedhof war sehr klein. Brandon parkte sein Auto und betrat den schmalen Weg, der zu dem Grab führte. Schon von weitem sah er Allison auf dem Boden knien. Ihr Anblick versetzte ihm einen Stich. Er wagte es nicht, näher zu kommen. Schweigend beobachtete er die junge, blonde Frau. Alles an ihr war so vertraut und doch war er ihr fern. Niemals würde er den Tag vergessen, an dem er sie das erste Mal sah. Das neue Mädchen in Greenville hatte ihn sofort verzaubert. Er war sich sicher: Niemals würde er einen Menschen so sehr lieben, wie sie. Doch das änderte nichts. Es war zu spät. Was hatte Mrs. Jones über Gott gesagt? Wie konnte sie glauben, dass er Zerbrochenes wiederherstellen würde?

Plötzlich vernahm er ein leises Schluchzen. Allison verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte. Ihr ganzer Körper zitterte. Brandon konnte es nicht ertragen. Vorsichtig näherte er sich dem Grab und kniete sich neben seine Frau. Als sie ihn bemerkte, zuckte sie erschrocken zusammen. Einen Moment lang starrte sie ihn einfach nur durch ihre tränenverschleierten Augen an. Dann drückte sie ihm schweigend einen Bilderrahmen in die Hand. Er betrachtete das Foto und eine Welle der Gefühle überkam ihn. „Es war perfekt. Unser Leben war perfekt.“, sagte er kaum hörbar. Allison sah ihn von der Seite an. „Warum bist du hier, Brandon?“, fragte sie. Ihre Stimme war freundlich und ihre Augen sanft. Er biss sich auf die Unterlippe. „Ich wollte…“, begann er leise. „Ich habe gehofft…“, Brandon brach ab und starrte erneut auf das Bild. Nach einem kurzen Moment des Schweigens, sah er Allison ernst in die Augen: „Warum hasst Gott uns so sehr?“
„Gott hasst uns nicht.“
„Ach, nein? Ich habe alles verloren. Alles.“
„Ich glaube, es ist ein Liebesbeweis, Brandon. Gott hat dich nie interessiert. Du brauchtest ihn nicht. Aber in dieser Nacht da…da hat sich alles verändert.“
„In dieser Nacht hat er mir alles genommen“, sagte Brandon und seine Stimme zitterte.
„Nein, in dieser Nacht hat er uns gezeigt, dass wir uns nicht auf uns selbst verlassen können. Du warst alles für mich, Brandon. Endlich gehörte ich zu jemandem. Endlich fühlte ich mich geliebt. Und dann kam Laney und ich konnte mein Glück gar nicht fassen.“
„Laney?“
„Ich wollte, dass unsere Tochter einen Namen hat. Aber du warst nicht mehr da und ich konnte dich nicht fragen. Ich fand die Bedeutung von Laney so schön – ‘die Strahlende’- und ich habe gehofft, es ist okay für dich.“
„Laney Lee. Dein Pseudonym.“
Allison starrte auf den Grabstein: „Du weißt es.“
Brandon nickte. „Du hast es wirklich drauf. Das Schreiben, meine ich.“
„Es tut mir sehr leid, dass ich dich mit meinen Artikeln verletzt habe.“
„Weißt du, ich hätte wahrscheinlich dasselbe getan.“
„Nein, es war falsch von mir.“
„Aber eins hast du allen Promi-Magazinen voraus. Du schreibst immer die Wahrheit.“
„Ich wollte dir nichts Böses. Wirklich nicht. Es war ein verzweifelter Versuch, dir zu helfen.“
„Das ist das Problem. Niemand kann mir helfen, Allie. Ich habe alle Chancen verspielt. Das ist eine Tatsache.“
„Nein, es ist eine Lüge.“
„Schau dir mein Leben an. Wo siehst du da bitte noch Hoffnung? Ich habe mein Kind und fast auch noch meine Frau getötet, ich bin abgehauen, habe eine Affäre angefangen und mein zweites Kind beinahe ertrinken lassen. Ja, ich bin Schauspieler, herzlichen Glückwunsch. Viel lieber wäre ich Wissenschaftler, dann würde ich eine Zeitmaschine bauen und alles ungeschehen machen.“
„Hey“, sagte Allison sanft. „Du hast niemanden getötet. Wie oft soll ich dir das noch sagen? Laney war schon tot. Der Unfall hatte nichts damit zu tun.“
„Ich hätte es verhindern müssen.“
„Wie hättest du das tun sollen? Es war einfach nicht Gottes Plan, dass wir Eltern werden.“
„Nicht sein Plan? Das glaubst du wirklich?“
„Ja.“
„Und dieser Gott soll uns nicht hassen?“, Brandon stand auf und fuhr sich durch seine dunklen Haare. Er konnte es nicht fassen, was Allison da von sich gab. Was war mit ihr passiert? Hatte Mrs. Jones seiner Frau eine Gehirnwäsche verpasst? Diese alte Nachbarin wurde doch schon langsam senil. Und seine Eltern steckten vermutlich mit ihr unter einer Decke. Er erinnerte sich an all die Sonntage, die er als Teenager neben seinem Vater auf der Kirchenbank hatte sitzen müssen. Dabei waren seine Gedanken nie bei der Sache gewesen. Er wollte Football spielen und die süßen Cheerleader ins Kino einladen. Wozu brauchte er Gott? Er war beliebt, gutaussehend und gesund. Und als dann auch noch Allison in Greenville auftauchte, wusste Brandon: sein Leben war perfekt.

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